7. Grounded Theory

Die Grounded Theory ist eine qualitative Erhebungs- und Auswertungsmethode.

Bei der Grounded Theory (gegenstandsbezogenen Theorie) ist bereits während der Erhebung eine Konzept- und Theoriebildung zugelassen. Du darfst und sollst dir bereits während der Datensammlung Gedanken über die Auswertung machen und theoretische Konzepte, Konstrukte sowie Hypothesen überlegen, welche dann auch bei der weiteren Erhebung berücksichtigt werden. Bei diesem Vorgehen sind daher Erhebung und Auswertung ineinander verschränkt. Wie in allen qualitativen Verfahren werden auch hier während der Datenerhebung bei Bedarf Modifizierungen vorgenommen, die entwickelten Annahmen und Konzepte verfeinert und verknüpft. Sobald der innerhalb der Erhebung vervollständigte theoretische Bezugsrahmen klar und aussagekräftig ist, kann die weitere Erhebung abgebrochen werden, da die wesentliche Auswertungsarbeit bereits vollzogen ist.

Um Datenmaterial (Text im weiteren Sinne, wie transkribierte Interviews, Beobachtungsprotokolle etc.) zu gewinnen, wählst du zu Beginn verschiedene Personen, Situationen und Dokumente aus, die möglichst das gesamte Spektrum der Fragestellung abdecken. Besonders wichtig ist das Codieren, wobei ein Code für ein benanntes Konzept oder Phänomen steht.

Offenes, axiales und selektives Codieren

Du kannst zum Codieren die Varianten des offenen, axialen sowie selektiven Codierens nutzen, die im Forschungsprozess ineinander übergehen.

Ziel des offenen Codieren ist es, alle für die Forschungsfrage interessanten Phänomene im Datenmaterial mit einem Code zu versehen. Ist das Datenmaterial in Konzepte gefasst, so können diese in Kategorien, die mehrere ähnliche Konzepte zusammenfassen, eingeordnet werden. Den Kategorien können verschiedene Eigenschaften zugeschrieben werden (Siehe Tabelle).

Kategorie Eigenschaften Dimensionale Ausprägung
Zielsetzung Zielklarheit
Bandbreite
Beteiligungsweise
Zielhorizont
vage-----------------deutlich
eng------------------weit
offen----------------geschlossen
langfristig------------kurzfristig

Beispielsweise beinhaltet die Kategorie „Gegenstand des Projektes“ die Konzepte „Ideenfindung“ und „Zielsetzung“. Das Konzept „Zielsetzung“ kann dabei wieder verschiedene Eigenschaften haben, deren Merkmale sich unterschiedlich ausprägen können. Diese Eigenschaften werden schließlich dimensionalisiert d.h. auf einem Kontinuum möglicher Ausprägungen der Eigenschaft angeordnet. Die Eigenschaft „Zielklarheit“ kann so beispielsweise von „vage“ bis „deutlich“ reichen.

Beim axialen Codieren setzt du die Kategorien (mit ihren Eigenschaften und dimensionalen Ausprägungen) zueinander in Beziehung. Dabei ordnest du die Daten anhand folgender Kriterien (Handlungsparadigma) neu an: Im Mittelpunkt steht ein bestimmter Gegenstand, ein Phänomen (Achsenkategorie). Nun fragst du nach den Ursachen, dem Kontext bzw. intervenierenden Bedingungen, den Handlungsstrategien sowie nach den Konsequenzen des Phänomens.

In der Phase des selektiven Codierens legst du das zentrale Phänomen, die Kernkategorie, fest, die sich in den ersten beiden Codierungsschritten herausgebildet hat. Die zentralen Aussagen der Untersuchung fasst du zusammeng und bildest daraus die zentrale Geschichte, welche sich wiederum um die Kernkategorie dreht. Nach der Bestimmung der Kernkategorie setzt du andere relevante Kategorien systematisch zu ihr in Beziehung.

Merkzettel

Beim gesamten Vorgehen der Grounded Theory nehmen Merkzettel bzw. Memos einen zentralen Stellenwert ein, die zum Einsatz kommen, sobald sich wichtige Aspekte ergeben. Das Schreiben von Memos fördert die eigene Distanzierung von den Daten und hilft dir, nicht nur eine „beschreibende“ Arbeit anzufertigen. Darüber hinaus können mit ihrer Hilfe Auswertungskategorien gebildet werden. Bei den Memos achte darauf, dass auch die Kontextbedingungen der zugrunde liegenden Beobachtungen festgehalten werden. Sie können dir hinsichtlich vorzunehmender Verallgemeinerungen und Verknüpfungen als wichtige Entscheidungshilfe dienen. Die angelegten Merkzettel vervollständigtst du im weiteren Verlauf der Datensammlung durch weitere Beobachtungen und Analysen. Anschließend verknüpfst du die entwickelten Konzepte mit den Auswertungskategorien (Codes), was sich wiederum auf die weitere Datensammlung auswirken kann. Diese sich wiederholenden Prozesse führen schließlich zu deinen endgültigen theoretischen Konzepten und/bzw. zur gegenstandsbezogenen Theorie.

Dieses Verfahren ermöglicht das Formulieren einer aus vernetzten Konzepten bestehenden geltenden Theorie. Dabei ist das Arbeiten in einer Forschergruppe hilfreich, da so eine Beschleunigung des Forschungsprozesses erreicht und Einseitigkeit vermieden werden kann.

Anwendungsgebiet

Das klassische Anwendungsgebiet der Grounded Theory ist die teilnehmende Beobachtung, da hier der Forscher selbst involviert ist und die weitere Datenerhebung in Abhängigkeit von den Memo-Ergebnissen steuern kann. Zudem eignet sich das Verfahren vor allem bei noch unerforschten Gebieten und explorativen Untersuchungen, da mit ihr neue theoretische Konzepte entwickelt werden können.