4. Beobachtung

Ziel der Beobachtung

Die wissenschaftliche Beobachtung ist im Gegensatz zu Alltagsbeobachtungen systematisch, standardisiert, zielgerichtet, intersubjektiv nachprüfbar und methodisch kontrolliert (Bortz & Döring, 2005, S. 262). Das Ziel einer Beobachtung ist, die soziale Wirklichkeit zu beschreiben und festzuhalten, so dass du mit diesen Daten seine Forschungsfrage beantworten kannst. Sie ist immer dann geeignet, wenn du das Verhalten von Personen unabhängig von ihrer subjektiven Einschätzung erheben willst, denn ein Fragebogen kann lediglich eine Selbsteinschätzung erheben. Die Beobachtung solltest du immer dann (z.B. auch zusätzlich zu einer Befragungsstudie) einsetzen, wenn du Verhalten auswerten bzw. analysieren möchtest. Schließlich können in Befragungen erhobene Selbstbeschreibungen möglicherweise nicht mit dem tatsächlichen Verhalten übereinstimmen. Außerdem ermöglicht dir die Beobachtung, erste Informationen in einem neuen Untersuchungsterrain zu sammeln, Gestik und Mimik der Untersuchten zu erheben/verfolgen sowie Interaktionsmuster und Gruppenbildungsprozesse zu erfassen. Besonders bietet sich eine Beobachtung auch bei Situationen an, in denen Befragungen nicht möglich oder wenig erfolgversprechend sind (z.B. bei Kindern oder sozial abweichendem Verhalten). Wenn du eine Beobachtung durchführen willst, beachte allerdings, dass damit ein sehr hoher Aufwand verbunden ist und im Gegensatz zur Befragung nur geringe Fallzahlen möglich sind.

Typen von Beobachtungen

Es gibt sowohl quantitative als auch qualitative Beobachtungen – der Unterschied besteht im Grad ihrer Strukturierung. Strukturierte (quantitative) Beobachtungen werden nach einem Beobachtungsplan mit vorgegebenen Kategorien durchgeführt und zählen zum quantitativen Ansatz. Du berücksichtigst nur, was du vorher festlegst und was du in Kategorien einordnen kannst. Außerdem werden qualitative Beobachtungen ausschließlich in natürlichen Situationen („Feldsituation“) durchgeführt, während im Quantitativen oftmals künstliche Laborsituationen zum Einsatz kommen (Näheres hierzu bei der qualitativen Beobachtung).

Neben dem Grad der Strukturierung kann man Beobachtungen auch noch in offene bzw. verdeckte sowie teilnehmende bzw. nicht-teilnehmende Beobachtungen unterteilen. Zu beachten ist, dass die vorgestellten Kategorien extreme Ausprägungen darstellen. Bei den drei genannten Dimensionen strukturiert – unstrukturiert, offen – verdeckt und teilnehmend – nicht-teilnehmend gibt es jeweils Zwischenstufen.

Vor- und Nachteile der Beobachtungsformen

In den Tabellen siehst du die Vor- und die Nachteile der jeweiligen Beobachtungsform.

Offene Beobachtung Verdeckte Beobachtung
Probanden wissen über die Erhebung Bescheid. Können reaktives Verhalten hervorrufen (z.B. sozial erwünschtes Verhalten, antikonformes Verhalten) Probanden wissen nicht über die Erhebung bescheid. Sind nicht-reaktiv. Sind forschungsethisch bedenklich (Täuschung der Probanden). Notwendig, um sonst nicht sichtbares Verhalten zu erforschen (etwa Sektenaktivitäten).
Teilnehmende Beobachtung Nichtteilnehmende Beobachtung
Beobachter/in übernimmt aktive Rolle in der Erhebungssituation. Durch aktive Mitarbeit können mehr Einsichten erhoben werden, als bei reiner außenstehender Beobachtung. Es besteht das Risiko, dass Beobachter/ in das Geschehen beeinflusst. Distanz zum Beobachteten darf nicht verloren gehen. Schwierigkeit, gleichzeitig aktiv zu sein und die Beobachtung zu dokumentieren. Meist bei qualitativen Beobachtungen verwendet. Beobachter/in ist KEIN Teil der Erhebungssituation. Geschehen wird nicht durch das Verhalten der/des Beobachters/in beeinflusst. Distanz zum Untersuchungsgegenstand wird gewahrt. Häufig auch in Kombination mit verdeckter Beobachtung, damit keine Verhaltensänderung aufgrund der Anwesenheit des/der Forschers/in auftritt.

Kombination mit anderen Verfahren

Um Fehlerquellen abzumildern, kann die Beobachtung mit anderen Verfahren, beispielsweise Interviews, kombiniert werden. In den Interviews kannst du z.B. deine Beobachtungsergebnisse schildern und den Interviewten bitten, das beobachtet Verhalten zu erklären etc. Zudem können verschiedene Beobachter und ein strukturiertes Beobachtungsschema eingesetzt werden, um die Aussagekraft der erhobenen Daten zu steigern, das Problem der selektiven Wahrnehmung abzumildern und Fehlinterpretationen zu vermeiden. Hierbei werden im Übrigen gemischtgeschlechtliche Teams empfohlen, da Frauen anders beobachten als Männer und ihnen daher andere Dinge auffallen.