Methoden für Anfänger

   

Dieses Modul über Methoden ist speziell für Anfänger geeignet. Es gibt einen kurzen, aber ausgewählten Überblick über die Methoden der Befragung, Beobachtung, dem Experiment und der Inhaltsanalyse.

Um eine erste Vorauswahl einer Methode zu treffen, ist dieses Kapitel auch für Fortgeschrittene hilfreich, für konkrete Tipps und Hilfen bei der Umsetzung, sollte man jedoch immer noch bei der jeweiligen Methode im Fortgeschrittenen-Modul nachlesen.

Zettelchen "Willst du mit mir gehen?" 

 

Dauer: ca. 15 min.

 

Inhaltsverzeichnis

1. Befragung

Die Befragung ist die in den Sozialwissenschaften am häufigsten angewendete Erhebungsmethode. Sie ist ein wichtiges Instrument um Informationen über Einstellungen, Meinungen, Wissen und Verhaltensweisen von Menschen zu untersuchen.

Bevor du mit der Formulierung der Fragen beginnst, solltest du dich für eine der Befragungsformen entscheiden.

1.1 Auswahl der Befragungsform

Persönliche Befragung/Interview

Bei der persönlichen Befragung suchst du oder ein Interviewer den zu Befragenden auf und sprichst mit ihm. Bei der Befragung kannst du Hilfsmittel (z.B. Listenvorlagen, Bilder, Beispiele, Filme) einsetzen. Weiterhin kannst du die Reaktion des Befragten beobachten und an bestimmten Stellen gezielt nachfragen oder Alternativfragen verwenden. Nachteilig ist, dass der Befragte bei heiklen Themen entweder die Antwort verweigern könnte oder aufgrund der sozialen Erwünschtheit eine Antwort gibt, die dich zufrieden stellt. Es ist einfach schwieriger, gegenüber einer fremden Person offen und ehrlich zu sein, wenn es um heikle Themen geht, als gegenüber einem Blatt Papier. Wenn du viele Personen befragen willst, ist außerdem der Arbeitsaufwand ziemlich hoch. Die persönliche Befragung zeichnest du in der Regel mit einem Diktiergerät auf und transkribierst sie dann.

Schriftliche Befragung

Bei der schriftlichen Befragung werden die Fragebögen an ausgewählte Teilnehmer verschickt oder ausgegeben. Wenn du einen Fragebogen erstellst, solltest du darauf achten, dass er so kurz wie möglich und selbsterklärend ist. Vorteilhaft ist, dass Befragte in der Regel bei einem Blatt Papier (und wenn sie nicht beim Ausfüllen beobachtet werden) ehrlicher sind, als gegenüber einer Person. Es kommt dazu, dass sie den Fragebogen in Ruhe ausfüllen können und sich Gedanken machen können, bevor sie eine Frage beantworten. Der große Nachteil bei der schriftlichen Befragung ist die geringe Rücklaufquote, die meistens unter 20 Prozent liegt. Weiterhin entstehen Kosten beim Druck und Versenden der Fragebögen.

Telefonische Befragung

Heute verfügt jeder über ein Telefon oder ein Handy. Deshalb kann eine telefonische Befragung relativ schnell und kostengünstig durchgeführt werden. Verglichen mit dem persönlichen Interview ist die Anonymität des Befragten größer. Nachteilig an telefonischen Befragungen ist die Tatsache, dass sich die Befragten schnell genervt fühlen und sich weigern, die Fragen der Umfrageforscher zu beantworten. Weiterhin ist es schwierig, die komplizierten Skalen oder Einstufungen der Antwortvorlagen am Telefon zu erklären. Dies kann beim Befragten leicht als monoton und ermüdend empfunden werden. Deshalb sollten die Interviews bei Telefonbefragungen deutlich kürzer sein als bei den anderen Befragungsformen.

Online-Befragung

Die kostengünstigste Form der Befragung ist die Online-Befragung. Hier ist ein schneller Rücklauf möglich, du hast multimediale Präsentationsmöglichkeiten, die du in der Befragung einbauen kannst (du kannst dem Befragten z.B. Bilder, Töne oder audiovisuelles Material zeigen) und erreichst ohne Mehraufwand eine große Anzahl von Menschen. Dabei musst du sicherstellen, dass die Befragten nicht mehrfach an deiner Umfrage teilnehmen. Weiterhin solltest du vorher herausfiltern, welche Personengruppen du befragen willst. Halte den Online-Fragebogen kurz und vermeide zu komplexe Sachverhalte, da diese im Netz nicht gern bearbeitet werden. Die Eingabe der Daten ist durch die Kombination der Umfrage-Software mit den Ausführungsprogrammen recht einfach durchzuführen.

1.2 Auswahl des Befragungsverfahrens

Neben der Befragungsform solltest du dich auch für ein Befragungsverfahren entscheiden:

Standardisiertes Verfahren

Beim standardisierten Verfahren sind die Fragen und Antwortmöglichkeiten vorgegeben. Dadurch hast du eine hohe Vergleichbarkeit der gegebenen Antworten. Bei der Erstellung des Fragebogens solltest du darauf achten, dass alle potentiellen Antworten exakt bekannt und benannt sind. Der Nachteil an dem Verfahren ist, dass keine neuen Antworten entdeckt werden können.

Das standardisierte Verfahren ist v.a. bei Online- und schriftlichen Befragungen angemessen.

Nicht-standardisiertes Verfahren

Das nicht-standardisierte Verfahren ist flexibler strukturiert oder sogar ganz unstrukturiert. Bei einem Experten-/Leitfadeninterview werden die feststehenden Fragen in einer flexiblen Reihenfolge abgearbeitet. Sehr unstrukturiert sind die narrativen Interviews. Hier gibt der Interviewer Impulse und der Befragte soll dabei möglichst viel von sich erzählen. Mit dem nicht-standardisierten Verfahren kannst du keine verallgemeinerbaren Ergebnisse erschließen.

Vorüberlegungen zum Inhalt der Befragung

Nachdem du dich für eine Befragungsform und ein Befragungsverfahren entschieden hast, kannst du dir endlich den Inhalt deines Fragebogens überlegen. Stelle dir die folgenden Fragen:

  • Was will ich konkret wissen?
  • Welche Art von Aussagen/ Bewertungen gibt mir Aufschluss über diesen Sachverhalt? (Indikatoren)
  • Wie differenziert will ich es wissen?
  • Wie umfangreich will ich es wissen?
  • Wie viel Zeit steht mir zur Verfügung?
  • Wie werde ich die Antworten auswerten und die Resultate darstellen?

1.3 Fragentypen allgemein

Im Fragebogen gibt es grundsätzlich drei Typen von Fragen: Offene (auch W-Fragen genannt), Geschlossene und Halboffene (Hybridfragen).

Offene Fragen

Ein Beispiel für eine offene Frage ist: Was haben Sie gestern Abend gemacht?. Hierzu kann sich der Befragte nach Belieben äußern. Offene Fragen führen zu Antworten mit größeren Textmengen. Du bekommst zusätzliche Informationen, die allerdings die Auswertung erschweren.

Geschlossene Fragen

Fragen, die nicht mit einem Fragewort anfangen, werden geschlossene Fragen genannt. Diese geben dem Befragten eine eng begrenzte Anzahl von Antwortalternativen, z.B. Besitzen Sie einen Computer? - Ja/ Nein. Mit geschlossenen Fragen eröffnen sich eine Reihe von Möglichkeiten, um Antwortvorgaben zu formulieren.

Likertskala

Die meistverwendete Variante der vorgegebenen Antwortmöglichkeiten ist die so genannte Likertskala, die bereits in den 30er Jahren entwickelt wurde. Die Antwortkategorien der Likertskala werden so formuliert, dass sie im allgemeinen Sprachverständnis möglichst gleiche Abstufungen repräsentieren. In der Regel werden zwischen 4 und 7 Abstufungen gewählt (siehe verbalisierte und numerische Skala).

Bei Likertskalen werden verbalisierte und numerische Skalen unterschieden. Verbalisierte Skalen zeichnen sich dadurch aus, dass jedem Skalenpunkt eine eindeutige verbale Benennung zugeordnet ist. Bei der numerischen Skala sind nur die Endpunkte verbalisiert und die restlichen Werte durch Zahlen oder leere Kästchen repräsentiert.

Für die drei Dimensionen "Häufigkeit", "Intensität" und "Bewertung" haben sich folgende Begriffe als semantisch gleichwertig bezüglich den Abständen zwischen den Werten erwiesen:

Häufigkeit: nie; selten; gelegentlich; oft; immer

Intensität: nicht; wenig; mittelmäßig; ziemlich; sehr

Bewertung von Aussagen: stimmt nicht; stimmt wenig; stimmt mittelmäßig; stimmt ziemlich; stimmt sehr

Bedenke bitte, dass es sein kann, dass die Befragten keine eindeutige Aussage über Häufigkeit oder Intensität von etwas treffen können (z.B. wenn sie es nicht wissen oder nie selbst erlebt haben). Deswegen solltest du in manchen Fällen auch eine Antwortmöglichkeit „weiß nicht" oder „kann ich nicht beurteilen" einfügen. So verhinderst du, dass die Teilnehmer irritiert sind, weil sie die Frage nicht beantworten können und deswegen die Befragung abbrechen.

Eine gerade Anzahl von Abstufungen auf der Skala ohne neutrale Mitte verhindert die verbreitete „Tendenz zur Mitte". Du kannst auf diese Weise die Auskunftspersonen zwingen, sich für eine positive oder negative Aussage zu entscheiden.

Halboffene Fragen

Halboffene Fragen sind Fragen, die mit Antwortkategorien arbeiten, aber normalerweise eine offene Kategorie zulassen.

Beispiel:

Wie sind Sie auf diesen Service aufmerksam geworden?
  • Freunde
  • Werbung
  • Internet
  • Sonstiges, und zwar:______________

1.4 Fragentypen nach Struktur

Reihenfolge der Fragen

Weiterhin solltest du den Fragebogen strukturieren und die Abfolge der Fragen gut durchdenken. Am Anfang des Fragebogens sollten einfache und motivierende Fragen stehen. Zu empfehlen sind hier spannende, themenbezogene oder die beantwortende Person betreffende Fragen, welche gut verständlich und technisch einfach zu beantworten sind. So wird die Motivation zur weiteren Teilnahme aufrechterhalten oder gefördert. Einstiegs- oder so genannte Eisbrecherfragen können von allen Teilnehmenden leicht beantwortet werden. Heikle Fragen sollten eher an den Schluss gesetzt werden.

Man unterscheidet zwischen folgenden Fragetypen: Testfragen und Funktionsfragen:

Testfragen

Testfragen gelten als wichtigster Bestandteil eines Fragebogens. Sie müssen so formuliert sein, dass sie jeder verstehen kann. Nur mit guten Fragen kannst du gute Ergebnisse erreichen. Zu den Testfragen gehören Sachfragen, Wissensfragen, Einstellungs- und Meinungsfragen und Verhaltensfragen.

Sachfragen sind Fragen, die jeder Befragte sofort und ohne intensives Nachdenken beantworten kann. Sie haben nichts mit den Einstellungen, mit dem Wissen oder dem psychischen Befinden des Befragten zu tun.

Beispiel:
Besitzen Sie ein Handy?

Wissensfragen testen den Wissensstand der Bevölkerung. Sie helfen dir u.a., gut informierte und schlecht informierte Personen zu unterscheiden, um z.B. das Mediennutzungsverhalten zu vergleichen. Die Wissensfragen müssen nah an deinem Untersuchungsgegenstand sein.

Beispiel:
In welchem Jahr war die deutsche Wiedervereinigung?

Einstellungs- und Meinungsfragen sind Fragen, zu denen der Befragte eine bestimmte Meinung hat, u.a. zu politischen und gesellschaftlichen Themen.

Beispiel:
Stimmen Sie dieser Aussage zu? "Ossis sind arrogant"
Antwortmöglichkeiten:
  • Stimme voll zu
  • Stimme eher zu
  • Lehne eher ab
  • Lehne völlig ab

Mit den Verhaltensfragen versuchst du etwas Konkretes über das Verhalten der Befragten herauszufinden. Verhaltensfragen können das messen, was tatsächlich passiert und sind grundlegend, um Fragestellungen z.B. zum Fernsehverhalten, zu untersuchen. Pass aber auf, dass die erfragten Ereignisse nicht zu weit in der Vergangenheit liegen, da es sonst zu verzerrten Erinnerungen kommen kann.

Beispiel:
Wie oft schauen Sie die 20.00-Uhr-Nachrichten auf ARD?
  • Nie
  • 1 x wöchentlich
  • 2-3 x wöchentlich
  • täglich

Funktionsfragen

Testfragen allein garantieren aber keinen guten Fragebogen. Der Gesamtablauf der Befragung wird eher durch die Funktionsfragen gesteuert und stellt sicher, dass die Testfragen korrekt angewendet werden. Zu den Funktionsfragen gehören Eisbrecherfragen, Überleiterfragen, Trichter- und Filterfragen, Kontrollfragen und Fragen zu soziodemographischen Merkmalen.

Mit den so genannten Eisbrecherfragen soll die Atmosphäre im Fragebogen aufgelockert werden. Außerdem willst du damit das Vertrauen der Befragten gewinnen. Zu diesem Zweck werden die Eisbrecherfragen hauptsächlich zu Beginn des Fragebogens, oder persönlichen Interviews, gestellt. Es sollte eine Frage sein, die von allgemeinem Belang ist und zu der jeder etwas sagen kann.

Beispiel:
Wie schätzen Sie das aktuelle Fernsehprogramm ein?

Überleiterfragen benutzt du, um von einem Themenkomplex in den nächsten überzuleiten. Somit fällt es dem Befragten leichter, der Logik des Interviews zu folgen.

Manche Fragen müssen nicht von allen Probanden untersucht werden. Die Trichter- und Filterfragen setzt du ein, um Teilgruppen mit auf sie zugeschnittenen Fragen zu konfrontieren.

Beispiel:
Haben sie einen Fernseher?
  • Ja
  • Nein, weiter mit Frage 12

Mit den Kontrollfragen überprüfst du die Verlässlichkeit der im Fragebogen ermittelten Antworten. Stelle eine ähnliche Frage an einem anderen Platz im Fragebogen, und zwar so, dass der Befragte nach Möglichkeit nicht merkt, dass die Frage schon einmal gestellt wurde.

Beispiel:
Fragen am Anfang des Fragebogens: "Ossis lehnen Ausländer ab"
  • Stimme voll zu
  • Stimme eher zu
  • Lehne eher ab
  • Lehne völlig ab
Kontrollfrage weiter hinten im Fragebogen: "Ossis sind ausländerfeindlich"
  • Stimme voll zu
  • Stimme eher zu
  • Lehne eher ab
  • Lehne völlig ab

Abschließend werden die Soziodemographischen Merkmale ermittelt. Dazu gehören Alter, Geschlecht, Schulbildung und u.U. auch Fragen zum Nettoeinkommen, zur Religionszugehörigkeit und zum Ehestand. Diese Fragen stehen normalerweise am Schluss des Fragebogens, da sie eher langweilig sind und somit die Motivation des Befragten nachlässt.

1.5 Checkliste & Pretest

Nachdem du deinen Fragebogen erstellt und geordnet hast, solltest du ihn vor deiner Befragung intensiv überprüfen.

Checkliste Fragebogenkonzept

  • Ist die Frage verständlich formuliert?
  • Wird der zu erfragende Sachverhalt konkret genug dargestellt?
  • Kann dieser von jedermann eindeutig wahrgenommen werden?
  • Werden durch die Frageformulierung zu hohe Ansprüche an die sprachliche Ausdrucksfähigkeit gestellt?
  • Ist die Frage eindeutig genug?
  • Kann die Frage unter Umständen das Gedächtnis des Befragten überfordern?
  • Kann die Frage auch dann noch beantwortet werden, wenn der Befragte schon ermüdet ist?
  • Provoziert die Frageformulierung soziale Erwünschtheit?
  • Enthält die Frage suggestive Frageformulierungen?
  • Ist die Frage zu privat?
  • Könnten Befragte durch die Antwort bloßgestellt werden?

Pretest

Nun solltest du einen Pretest durchführen. Ein Testlauf des „Prototyps" hilft, Fehlerquellen im Fragebogen zu erkennen und von der eigentlichen Befragung zu eliminieren. Er deckt auf, ob der Fragebogen verständlich ist und ob die Fragen ihren Zweck erfüllen. Falls du Änderungen durchführen musst, kannst du diese ggfs. durch einen weiteren Pretest prüfen. Ist der Pretest gelungen, kannst du deine Befragung durchführen.

2. Beobachtung

Bei einer wissenschaftlichen Beobachtung wird menschliches Verhalten systematisch erfasst, festgehalten und schließlich gedeutet. Der Beobachter kann ablaufende Handlungen ausschließlich protokollieren (nicht teilnehmende Beobachtung) oder auch selbst Interaktionspartner der Personen, die er beobachtet, sein (teilnehmende Beobachtung). Die Protokollierung erfolgt dabei entweder mit Hilfe eines ausführlichen Beobachtungsschemas (standardisiert) oder durch Notizen (nicht standardisiert).

Die Beobachtung wird als Methode in sehr vielen human- und sozialwissenschaftlichen Disziplinen angewandt. Beispielsweise werden in soziologischen Forschungen Jugendkulturen, in der Erziehungswissenschaft Lehrer und Schüler während dem Unterricht oder in der Kommunikationswissenschaft die Wirkung von Werbespots auf Jugendliche beobachtet.

2.1 Beobachtungsverfahren

Eine Beobachtung ist auf viele Arten möglich. Die folgende Auflistung soll dir einen Überblick über die verschiedenen Beobachtungsverfahren geben. Dabei solltest du jedoch beachten, dass in der Praxis oft Mischformen vorkommen.

Beobachter

  • Selbst- oder Fremdbeobachtung: Beobachtest du dich selbst oder beobachtest du andere? Beobachtungen sind zumeist Fremdbeobachtungen; Selbstbeobachtungen sind in der Wissenschaft eher bedeutungslos.
  • Forscher als Beobachter oder externer Beobachter: Bist du als Forscher der Beobachter, oder hast du einen externen Beobachter für deine Forschungen beauftragt? Bei quantitativen Beobachtungen werden die Untersuchungen oft von externen Mitarbeitern durchgeführt, während bei qualitativen Beobachtungen der Forscher eher an der Beobachtung beteiligt ist. Allerdings musst du diese Entscheidung immer von deinem Forschungsdesign abhängig machen.

Beobachtungssituation

  • Offene oder verdeckte Beobachtung: Bist du als Beobachter für diejenigen, die du beobachtest sichtbar (= offene Beobachtung) oder unsichtbar (= verdeckte Beobachtung)? Führst du eine offene Beobachtung durch, bedeutet dies nicht, dass die Beobachteten gleichzeitig wissen müssen, dass du sie beobachtest.
  • Wissentliche oder unwissentliche Beobachtung: Wissen die Beobachteten, dass du sie beobachtest? Eine unwissentliche und verdeckte Beobachtung wäre eigentlich als wissenschaftliches Verfahren ideal, da sich die Beobachteten so nicht in ihrem Verhalten beeinflussen lassen. Allerdings ist dieses Beobachtungsverfahren ethisch sehr problematisch, da sich die Beobachteten unwissend in möglicherweise sehr intimen Situationen präsentieren und ihr Vertrauen und ihre Privatsphäre somit missbraucht werden.
  • Teilnehmende oder nicht teilnehmende Beobachtung: Nimmst du als Beobachter am Geschehen, das du beobachtest, teil oder distanzierst du dich? Diese Entscheidung ist für eine Beobachtung eine der wichtigsten. Nimmst du an deiner Beobachtung selbst teil, verringerst du somit die Distanz zwischen dir als Forschenden und den Beobachteten. Damit erhältst du möglicherweise mehr Erkenntnisse. Jedoch musst du dafür Einschränkungen bei der Beobachtung und der Protokollierung in Kauf nehmen und es kann passieren, dass du betriebsblind wirst, d.h., wichtige Dinge nicht wahrnimmst, weil sie für dich als Teilnehmer einfach dazugehören. In der Praxis sind allerdings auch Mischformen aus teilnehmender und nicht teilnehmender Beobachtung möglich.
  • Feld- oder Laborbeobachtung: Beobachtest du Personen bzw. Gruppen in ihrer ‚natürlichen Umgebung' oder in einer Laborsituation? Wählst du eine Feldbeobachtung, ist die Authentizität des Verhaltens der beobachteten Personen eher gewahrt. Jedoch hast du bei einer Laborbeobachtung die Möglichkeit, die Rahmenbedingungen weitestgehend zu kontrollieren und damit die Vergleichbarkeit deiner Beobachtungen zu verbessern. Du musst dafür aber die Künstlichkeit der Situation in Kauf nehmen.
  • Beobachtung mit oder ohne Stimulus: Konfrontierst du die Beobachteten mit einem Reiz? Je nach dem, was du mit deiner Beobachtung untersuchen möchtest, kann es sein, dass du die Beobachteten mit einem Stimulus konfrontieren musst. Dafür eignen sich (auch aus ethischer Perspektive) am besten Laborumgebungen. Wenn du einen Stimulus verwendest, führst du wahrscheinlich ein Experiment durch.
  • Direkte Beobachtung oder Beobachtung mit Verhaltensresultaten: Beobachtest du nicht Handlungen und Verhalten, sondern ihre Resultate? Wenn du Verhaltensresultate beobachtest (z.B. den Inhalt eines Mülleimers), dann solltest du wissen, dass du dich in einer ‚Grauzone' bewegst, da dies häufig nicht mehr unter eine Beobachtung fällt.
  • Strukturierte oder unstrukturierte Beobachtung: Hast du vor deiner Beobachtung genau festgelegt, was du beobachten möchtest? Beispielsweise kannst du dich im Vorfeld dafür entscheiden nur bestimmte Handlungstypen oder Personen zu beachten sowie nur die Körpersprache zu beobachten.
  • Simultane Beobachtung oder Aufzeichnung: Beobachtest du ‚vor Ort' oder stützt du deine Beobachtungen auf Videomaterial? Wenn du Personen nur anhand von Videomaterial beobachtest, solltest du wissen, dass deine sinnliche Wahrnehmung auf die technischen Möglichkeiten begrenzt ist und du deine Beobachtungen möglicherweise nach Bildauflösung usw. einschränken musst.

Protokollierung

  • Standardisierte oder nicht standardisierte Protokollierung: Hältst du deine Beobachtungen in einem vorgefertigten (standardisierten) Protokoll- oder Fragebogen fest? Eine standardisierte Protokollierung mit ausführlichen Aufzeichnungen in Fragebögen ist jedoch während der Beobachtung nicht immer möglich. In diesem Fall bietet es sich an, dass du Notizen anfertigst, die du dann zur weiteren Ausarbeitung benutzen kannst. Nicht standardisierte Beobachtungen eignen sich meist für ein qualitatives Vorgehen.
  • Manuelle oder automatisierte Protokollierung: Beobachtest und wertest du selbst aus oder übernimmt das ein Computer(-programm) für dich? Automatische Verfahren werden beispielsweise im Bereich der Mediennutzung eingesetzt und protokollieren die Senderwahl.

Wichtig für dich ist zu wissen, dass die Beobachtung immer nur der DatenERHEBUNG dient. Wie du die Daten letztlich auswertest (z.B. mit einer Inhaltsanalyse, etc.) musst du dir in einem nächsten Schritt überlegen.

2.2 Einflussfaktoren auf Beobachtungen

Wenn du eine Beobachtung durchführst, muss dir klar sein, dass du das Geschehene auf keinen Fall ganz erfassen kannst. Beispielsweise kannst du durch eine Beobachtung nichts über die Vorgeschichte der Beobachtungssituation und über die Motive der Handelnden erfahren. Außerdem ist es nicht möglich, dass du etwas über die längerfristigen Folgen der beobachteten Handlungen aussagen kannst.

Vor allem Laborbeobachtungen und teilnehmende Beobachtungen bringen Nachteile mit sich. In einer Laborbeobachtung sind das Umfeld und die Situation der Beobachteten so künstlich, dass damit gerechnet werden kann, dass sie dadurch beeinflusst werden. Bei einer teilnehmenden Beobachtung wird der Forscher zwar Teil der Beobachtungssituation, doch bleibt er für die Beobachteten doch meist ein Fremder, der sich Notizen macht. Dadurch können die Beobachteten ebenfalls beeinflusst werden.

Auch durch dich als Beobachter können Probleme entstehen. Beispielsweise neigen Beobachter dazu zu großzügig zu urteilen und entwickeln oft ungewollt sofort eine Sympathie oder Antipathie den Beobachteten gegenüber. Dadurch können die eignen Urteile verzerrt werden. Auch kann es sein, dass du bei einer Beobachtung in deinem eigenen Kulturkreis auf Dinge, die du gewohnt bist und die du für ganz normal hältst, nicht mehr achtest. Des Weiteren besteht das Problem, dass extreme Ereignisse oft verschoben wahrgenommen werden und im Protokollbogen als Mittelkategorie kodiert werden, da ein allgemeiner Hang zur Mitte besteht.

3. Experiment

Ein wissenschaftliches Experiment ist eine Untersuchungsanordnung, mit der Kausalzusammenhänge (Ursache - Wirkung) überprüft werden. Streng genommen handelt es sich hier nicht um eine Methode, sondern das Experiment bezeichnet lediglich die Form der Untersuchung (Untersuchungsanordnung). Die Befragung und die Inhaltsanalyse sind Erhebungsmethoden, die experimentell oder nicht-experimentell angelegt sein können.

Experiment

3.1 Unabhängige und abhängige Variable

Die unabhängige Variable kann aktiv von dir verändert werden. Die abhängige Variable dagegen ist nicht veränderbar. Du veränderst die unabhängige Variable um eine Reaktion bei der abhängigen Variable beobachten zu können. Wenn die abhängige Variable sich nämlich verändert, dann ist das der Beweis dafür, dass die unabhängige Variable einen Einfluss auf die abhängige Variable hat.

Im Bereich der Medienwirkungsforschung können zum Beispiel Filmsequenzen oder Werbespots als unabhängige Variable eingesetzt werden. Als abhängige Variable könnten z.B. die Veränderung von Urteilen oder Einstellungen der Versuchspersonen gemessen werden.

Beispiel:

Andrew Holbrook und Timothy G. Hill führten im März 2000 ein Laborexperiment durch. Sie wollten herausfinden, ob durch das Anschauen von Krimiserien das Thema „Kriminalität“ als wichtiger eingestuft wird. Zu diesem Zweck luden sie 213 Studenten ein, um eine Serie zu anschauen. Als unabhängige Variable wurde eine Folge der Serie „Third Watch“ ausgewählt. Die abhängige Variable war die Frage (im anschließenden Fragebogen) nach den wichtigsten Problemen der Nation. Hier sollte überprüft werden, ob die Zuschauer von der Krimiserie das Thema „Kriminalität“ als größeres Problem der Nation einstufen, als die Nicht-Krimiseher.

3.2 Störvariablen

Die Störvariablen können die abhängige Variable beeinflussen und somit das Ergebnis verzerren. Denn wenn es viele Störungen gibt, kannst du nicht mehr sicher sagen, dass die Veränderung in der abhängigen Variable (z.B. die Einschätzung von Kriminalität als Problem der Nation) auf die Veränderung der unabhängigen Variable (z.B. das Sehen von Third-Watch) zurückzuführen ist. Störvariablen können also dein Experiment negativ beeinflussen weil du dann kein eindeutiges Ergebnis mehr hast. Deshalb solltest du dir schon vor dem Experiment überlegen, welche Störvariablen es geben könnte. Ziehe diese dann entweder in das Experiment mit ein, oder versuche sie zu neutralisieren. Wie du sie kontrollieren oder den Einfluss möglichst gering halten kannst, kannst du hier nachlesen.

Beispiel:

In unserem Beispiel zum Nachweis von Agenda-Setting könnten etwa Probleme mit der Technik auftreten. Das bedeutet, dass der Film vielleicht nicht vollständig abgespielt wird, oder dass es „Steher“ gibt, oder dass da immer ein Streifen im Bild ist. Diese Probleme kannst du natürlich umgehen, indem du die Qualität der Serie vorher überprüfst und die Technik einmal ausprobierst. So hast du schon einmal eine mögliche Störvariable eliminiert. Du solltest außerdem sichergehen, dass die Probanden beim Anschauen der Serie nicht gestört werden. Um zum Beispiel zu vermeiden, dass Bauarbeiter oder Professoren während der Vorstellung in den Hörsaal kommen, könntest du ein großes Schild am Eingang platzieren. Weiterhin können aber auch das Vorwissen und die Gewohnheiten der Probanden Störvariablen sein. Deswegen solltest du dir die Merkmale deiner Versuchspersonen genau anschauen. Möglicherweise sehen manche ganz oft solche Serien wie Third Watch; andere aber garnicht. Das kann einen Einfluss auf die Einstufung der Wichtigkeit von „Kriminalität“ als Problem der Nation haben. Deswegen solltest du solche Angaben vorher erheben (z.B. mit Hilfe eines kurzen Fragebogens). Dies sind nur einige Beispiele für Störvariablen.

3.3 Experimental- und Kontrollgruppen

Um einen Ursache-Wirkungs-Zusammenhang festzustellen, musst du einen Vergleich zwischen zwei gleichen Gruppen anstellen: der Experimentalgruppe und der Kontrollgruppe. Dabei erhält die Experimentalgruppe eine bestimmte unabhängige Variable, die die Wirkung beweisen soll, die Kontrollgruppe dagegen nicht.

Beispiel:

In unserem Experiment sieht die Experimentalgruppe die Serie „Third Watch“. Im Gegensatz dazu sieht die Kontrollgruppe eine Folge der Dramaserie „Third Wing“, in der keine Kriminalität vorkommt. Am Ende des Experiments schätzen 27% aus der Experimentalgruppe die Kriminalität als wichtigstes Problem ein, doch nur 11,5% aus der Kontrollgruppe. Somit wurde nachgewiesen, dass es in Folge des Anschauens der Krimiserie zu einer höheren Einschätzung von Kriminalität als Problem kam.

3.4 Interne und externe Validität

Im Zusammenhang mit Experimenten sind die Begriffe der internen und externen Validität besonders wichtig. Die interne Validität trifft eine Aussage darüber, inwieweit du das misst, was gemessen werden soll. Die externe Validität besagt, inwiefern die Ergebnisse des Experiments auf die Realität übertragbar sind. Für eine genauere Erklärung der internen und der externen Validität, klicke hier.

3.5 Typen von Experimenten

Die wissenschaftlichen Experimente lassen sich in Labor- und Feldexperimente einteilen.

Laborexperiment

Beim Laborexperiment werden die Versuchspersonen in eine neue, künstlich geschaffene soziale Situation (das Labor) gebracht. Das bedeutet nicht, dass dein Experiment in einem Labor stattfinden muss. Es handelt sich lediglich um einen Raum, in dem alle Einflussfaktoren konstant gehalten werden können. Dadurch kannst du oder jeder andere Forscher das Experiment jederzeit wiederholen. Außerdem kannst du die unabhängige Variable bei dieser Methode einfacher manipulieren. Durch die Laborsituation kannst du sicherstellen, dass die Wirkung nur auf deine unabhängige Variable (und keine anderen Störfaktoren) zurückzuführen ist. Dadurch erreichst du eine sehr hohe interne Validität. Allerdings ist mit Laborexperimenten der Nachteil verbunden, dass die Übertragbarkeit der Erkenntnisse auf die Realität eingeschränkt ist, da die Situation stark kontrolliert und künstlich ist. Die externe Validität ist also eher niedrig zu bewerten.

Feldexperiment

Bei den Feldexperimenten ist es umgekehrt. Sie zeichnen sich durch eine sehr hohe externe Validität und eine niedrige internen Validität, da die Versuchspersonen in ihrer gewohnten Umgebung bleiben. Es ist oft schwierig, geeignete natürliche Situationen für die Untersuchungen zu finden. Teilweise kannst du auch keine Kontrollgruppe einsetzen, was es dir schwerer macht, deine Ergebnisse zu belegen. Denn wenn die Vergleichsgruppe fehlt, kann man nicht sagen, ob sich etwas verändert hat. Außerdem kannst du den Stimulus nicht selbst variieren und die Situation weder kontrollieren noch ihren Ablauf gezielt steuern. Eine Vorher-Nachher-Messung ist ebenfalls oft nicht möglich und es liegen zusätzlich unbekannte Störfaktoren vor, um von den Ergebnissen auf die Allgemeinheit schließen zu können.

4. Inhaltsanalyse

Untersuchung von Material

Im Gegensatz zur Befragung werden bei der Inhaltsanalyse keine Personen untersucht, sondern Material, das aus irgendeiner Art von Kommunikation stammt. Diese Kommunikationsmaterialien sind meist Medienprodukte. Dazu zählen Texte aus Tageszeitungen, Rundfunksendungen, aber auch Musik, Bilder, Filme oder Werbespots. Diese Botschaften und Texte werden auf bestimmte Merkmale hin untersucht. Beispielsweise zählt man, wie oft das Wort „AIDS" in Fernsehnachrichten oder Tageszeitungen vorkommt. Allerdings stehen bei der Inhaltsanalyse nicht nur Wörter im Zentrum des Forschungsinteresses, sondern je nach Forschungsfrage auch Sätze, Aussagen oder ganze Artikel bzw. Sendungen.

Vergleichsmaßstab

Das Ergebnis der Inhaltsanalyse, beispielsweise die gezählten Wörter, hat manchmal noch keinen großen Aussagewert. Deshalb ist es in bestimmten Fällen nützlich, einen Vergleichsmaßstab zu haben. Dieser Vergleichsmaßstab kann beispielsweise eine Inhaltsanalyse von Zeitungsartikeln aus dem Jahr 1998 sein. Damit ist es möglich, die jeweils gezählten Wörter miteinander zu vergleichen und Rückschlüsse auf den zeitlichen Hintergrund zu ziehen. Außer dem Vergleich von unterschiedlichen Zeitpunkten können auch unterschiedliche Medien oder verschiedene Kulturen zur Gegenüberstellung verwendet werden.

Ziel

Das Ziel der Inhaltsanalyse ist also, die Merkmale eines Textes zu untersuchen und daraus Schlussfolgerungen auf den Kontext des Textes anzustellen. Es sollen beispielsweise Rückschlüsse gezogen werden auf: die soziale, historische und politische Situation, die Wirkung beim „Empfänger", die Absichten des „Senders".

Quantitativ versus qualitativ

Die Inhaltsanalyse lässt sich in zwei Herangehensweisen aufteilen, die im Folgenden erklärt werden: die quantitative Inhaltsanalyse und die qualitative Inhaltsanalyse. Allerdings ist eine genaue Trennung zwischen quantitativer Inhaltsanalyse und qualitativer Inhaltsanalyse nicht möglich, da sie sich teilweise überschneiden. Beispielsweise ist die Identifizierung eines Textmerkmals ein qualitativer Analyseschritt eines Codieres, auch wenn die gewonnenen Daten danach quantitativ, d. h. statistisch weiterverarbeitet werden. Die Trennung der beiden Formen der Inhaltsanalyse wollen wir jedoch hier beibehalten, um die Vorgehensweisen besser erklären zu können.

4.1 Quantitative Inhaltsanalyse

Ziel

Bei der quantitativen Inhaltsanalyse ist das Ziel, große Textmengen zu analysieren. Es werden also sehr viele Zeitungsartikel, Rundfunksendungen usw. inhaltsanalytisch untersucht. Die Inhaltsanalysen der einzelnen Texte ergeben für diese Art der Inhaltsanalyse erst mit der statistischen Auswertung aller Daten einen Sinn. Das bedeutet, dass man, nachdem alle Textanalysen statistisch ausgewertet sind, das Ergebnis erhält, das für die quantitative Inhaltsanalyse interessant ist.

Beispielhafte Fragestellungen

  • Wie häufig verwendet der Sprecher/die Sprecherin der Tagesschau männliche und weibliche Endungen?
  • Wie wurden die Kanzlerkandidaten in den letzten Bundestagswahlen dargestellt?
  • Wie häufig und in welchen thematischen Kontexten wurde das Thema AIDS in den letzten 10 Jahren in den deutschen Tageszeitungen besprochen?

4.2 Ablauf der quantitativen Inhaltsanalyse

1. Planungsphase

Wenn du dich dafür entschieden hast, eine quantitative Inhaltsanalyse durchzuführen, musst du als erstes deine Fragestellung festlegen.

2. Entwicklungsphase

Dann kannst du das Datenmaterial, das zu untersuchen möchtest, auswählen. Das können beispielsweise bestimmte Tageszeitungen, Zeitschriften oder Fernsehsendungen sein. Du musst dir auch überlegen, ob dich bei diesem Datenmaterial bestimmte Wörter, Sätze, Wortzusammenhänge, Aussagen, Artikel usw.  interessieren. Wichtig ist natürlich auch, dass du festsetzt, in welchem Zeitraum deine Inhaltsanalyse stattfinden soll und ob möglicherweise nur bestimmte Arten von Artikeln oder Sendungen beachtet werden sollen. Zur Entwicklungsphase zählt auch die Entwicklung eines Codebuchs. In diesem Codebuch sind alle notwendigen Hinweise für die Codierer (das sind die Personen, die eine Inhaltsanalyse/Codierung durchführen) aufgeschrieben. Das bedeutet, dass du in einem Schema genau definierst, welche Worte wie einzuordnen sind. Außerdem finden die Codierer in diesem Buch ausführliche Hinweise für ihre Arbeit.

3. Testphase

Wenn du dein Codebuch fertiggestellt hast, solltest du auf jeden Fall eine Probecodierung, d.h. einen Pretest durchführen. Mit dieser Probecodierung kannst du im Vorhinein feststellen, ob sich Fehler eingeschlichen haben und ob das Codebuch für alle Codierer verständlich ist. Auch ist es wichtig, dass du überprüfst, ob die verschiedenen Codierer das gleiche Codierungsergebnis haben. Solltest du bei der Probecodierung Probleme feststellen, muss das Codebuch angepasst werden oder die Codierer müssen besser geschult werden.

4. Anwendungsphase

In dieser Phase beginnt die Codierung, die du mithilfe des überarbeiteten Codebuchs durchführst.

4.3 Qualitative Inhaltsanalyse

Ziel

Die Qualitative Inhaltsanalyse orientiert sich dagegen eher an Einzelfällen und ist besonders geeignet, um kleine Stichproben zu analysieren. Sie legt keine Hypothesen fest, die anschließend bestätigt oder widerlegt werden sollen, sondern bleibt auf der Ebene der Forschungsfragen. Der Vorteil der qualitativen Inhaltsanalyse liegt darin, dass der Kontext von Textbestandteilen und ihre unterschwelligen Sinnstrukturen untersucht werden. Das bedeutet, dass die qualitative Inhaltsanalyse nicht nur auf den Inhalt des Materials, sondern auch auf den Sinn und das Textumfeld achtet. Außerdem berücksichtigt sie markante Einzelfälle, was in der quantitativen Inhaltsanalyse eher nicht möglich ist.

Beispiel:

In einem Projekt zum Thema „Lehrerarbeitslosigkeit" (Ulich et al. 1985) wurde untersucht, welchen Belastungen arbeitslose Lehrer ausgesetzt sind, wie sie ihre Situation kognitiv verarbeiten und bewältigen. Dazu wurden 100 Lehrer über ein Jahr hinweg alle zwei Monate befragt. Diese offenen Interviews wurden transkribiert und anschließend mit einer qualitativen Inhaltsanalyse ausgewertet. Der Forscher sichtete dabei zuerst große Teile des Materials und ließ sich nicht zu theoretischen Überlegungen und Erklärungsversuchen verleiten. Durch die ausführliche Sichtung des Materials erhielt er die Kategorien, mit denen er später die Einzelfälle ordnen konnte.

4.4 Ablauf der qualitativen Inhaltsanalyse

1. Festlegung des Materials: Wenn du dich entschieden hast, eine qualitative Inhaltsanalyse durchzuführen, musst du zuerst festlegen, welches Material du verwenden möchtest und ob du dafür möglicherweise Stichproben ziehen musst.

2. Analyse der Entstehungssituation: In diesem Schritt musst du analysieren, von wem dein Material, das du inhaltsanalytisch untersuchen möchtest, stammt und an wen es sich richtet. Außerdem solltest du die Entstehungssituation und den soziokulturellen Hintergrund des Materials unter die Lupe nehmen.

3. Formale Charakteristika des Materials: Liegt dein Material in Form eines Textes oder einer Audioaufnahme vor? Bei einer Audioaufnahme empfiehlt sich eine Transkription, so dass du das Material auch als Text vorliegen hast.

4. Richtung der Analyse: Da du ohne konkretes Ziel keine Inhaltsanalyse durchführen kannst, solltest du in diesem Schritt bestimmen, wie du das Material im Kommunikationsmodell einordnen kannst. So weißt du, ob sich dein Ergebnis auf das Material, den Produzenten des Materials oder sogar auf die Zielgruppe des Materials bezieht.

5. Theoriegeleitete Differenzierung der Fragestellung: Hier solltest du die Fragestellung deiner Inhaltsanalyse konkretisieren und differenzieren. Die Fragestellung sollte theoretisch begründet sein.

6. Bestimmung der Analysetechnik: In diesem Schritt legst du fest, welche Analysetechnik bzw. -techniken du später verwenden möchtest (Zusammenfassung, Explikation oder Strukturierung - Erklärung siehe weiter unten.

7. Definition der Analyseeinheit: Du solltest nun überlegen, welche Analyseeinheiten du für deine Auswertungen wählen möchtest. Möchtest du Wörter, Textabschnitte oder ganze Texte analysieren?

8. Analyse des Materials: An dieser Stelle wendest du die Analysetechnik(en) an, für die du dich bereits in Schritt 6 entschieden hast: Zusammenfassung, Explikation oder Strukturierung).

9. Interpretation: Als letztes interpretierst du die Ergebnisse.

Die drei Grundformen qualitativer Inhaltsanalyse

Es lassen sich drei Grundformen, d.h. Analysetechniken der qualitativen Inhaltsanalyse unterscheiden:

  1. Zusammenfassung
  2. Explikation
  3. Strukturierung

Bei der Zusammenfassung ist das Ziel, das Material zu reduzieren und es damit überschaubar zu machen. Die wesentlichen Inhalte bleiben bei der Zusammenfassung jedoch erhalten.

Bei der Wahl der Explikation als Analysetechnik ist das Ziel, zusätzliches Material zusammenzutragen um bestimmte Textteile, die unverständlich sind (z.B. einzelne Begriffe, aber auch Sätze), zu erklären.

Die Strukturierung zielt darauf ab, eine bestimmte Struktur aus dem vorhandenen Material herauszufiltern. Dabei können beispielsweise inhaltliche oder auch formale Aspekte im Interesse stehen. Um das Material zu filtern, werden bestimmte Ordnungskriterien (Kategorien) gebildet, die so genau formuliert sind, dass eine eindeutige Zuordnung des Textmaterials möglich ist. Mit diesen Kategorien wird das Textmaterial nun begutachtet, gefiltert und aufgearbeitet.

5. Weiterführende und zitierte Literatur

Brosius, H. B. & Koschel, F. (2009). Methoden der empirischen Kommunikationswissenschaft (5. Auflage). Wiesbaden: Westdeutscher Verlag.

Früh, W. (2007). Inhaltsanalyse (6. Auflage). Konstanz: UVK.

Hill, T. G. & Holbrook, A. R. (2004). Prime-Time Agenda-Setting and Priming: Television Crime Dramas as Political Cues. The Ohio State University and Doane College. URL: http://www.infoamerica.org/documentos_pdf/setting04.pdf (letzter Zugriff am 24.01.2010).

Lamnek, S. (1995). Qualitative Sozialforschung. Band 2 Methoden und Techniken (3., korrigierte Auflage). Weinheim: Beltz Verlag.

Mayring, P. (2007). Qualitative Inhaltsanalyse. 9. Auflage. Weinheim: Beltz Verlag.

Mayring, P. (1990). Einführung in die qualitative Sozialforschung. Eine Anleitung zu qualitativem Denken. München: Psychologie Verlags Union.

Schnell, R., Hill, P. B. & Esser, E. (2008). Methoden der empirischen Sozialforschung (8. Auflage). München: Oldenbourg.

Weischer, C. (2007). Sozialforschung. Konstanz: UVK.